MIT.Blog: Identität im Netz – alles ein Fake?

„Halb ist sie echt und halb ein Fake“, würde Rami Essaid wohl auf die in der Überschrift gestellte Frage für die Sozialen Medien antworten. Der Gründer von Distil Networks, einer Cybersecurity-Firma, die sich auf das Aufspüren und Unschädlichmachen von Bots spezialisiert hat, sagte der New York Times: “Social media is a virtual world that is filled with half bots, half real people.“ Aber Bots oder social bots, also automatisierte Programme, die Beiträge posten und liken und sogar interaktiv kommunizieren können, als wären sie Personen, sind nur ein Teil des Problems. 62 Millionen der etwa 2,1 Milliarden Konten bei Facebook sollen falsch klassifiziert oder unerwünscht sein, Fake- Accounts also, – und wir kommunizieren mit ihnen.

Nicht nur für Influencer und Stars sind hohe Followerzahlen wichtig, weshalb immer mehr Menschen darauf verfallen, Follower zu kaufen. Firmen wie die amerikanische Firma Devumi, so schreibt die New York Times, verkaufen solche Follower, die zum Teil aus offensichtlichen Bots, zum Teil aber auch aus Tarnprofilen mit gefälschten Identitäten, z.B. dem des Teenagers Jessica Rychly, bestehen. Menschen wie Jessica Rychly merken häufig gar nicht, dass mit ihrer Identität noch ein weiterer Twitter-Account zu kommerziellen Zwecken betrieben wird.

Außerdem gibt es Internetnutzer/innen, die selbst eigene Fake-Accounts oder sogenannte Sockenpuppen erstellen. Teils geschieht dies mit krimineller Absicht, teils aus purem Geltungsbedürfnis: dem Wunsch nach Anerkennung, Liebe, einem Leben, das selbst gestaltet und kontrolliert werden kann, oder aber dem Wunsch, mit mehreren Stimmen zu sprechen oder die Regeln einer Online-Community zu unterlaufen.

Victoria Schwartz von realfakes.net unterscheidet zwischen den real fakes, die keine finanziellen Motive haben, und den romance scammern, die sich eine falsche Identität aufbauen, um einen finanziellen Nutzen daraus zu ziehen. Letzteres ist strafbar, ersteres nicht. Beispiele für real fakes sind der angebliche Kriegsfotograf Eduardo Martins, der Content Diebstahl betrieb, oder aber die angebliche Mikrobiologin und angebliche Mitarbeiterin bei Ärzte ohne Grenzen Jasmin Nicoletta Goldman. Denise Fritsch verliebte sich in Jasmin und schrieb über die Täuschung einen Blogpost.

In der Politik spielen vor allem Seiten von Tarnorganisationen eine Rolle, die sich später verselbständigen können, wenn genügend reale Nutzer mitmachen. Der Tagesspiegel beschreibt diese Vorgehensweise z.B. beim größten Twitter-Account der AFD. Und der Spiegel berichtet von staatlicher Machtpolitik und Geheimdiensten, die das soziale Netz und insbesondere Facebook zur Desinformation nutzen, so geschehen bei den amerikanischen und französischen Präsidentschaftswahlen. Falsche Facebook Profile wurden hier zum strategischen Einsatz von Leaks genutzt oder aber dienen der „false amplification“, also der falschen Verstärkung bestimmter Meinungen.

Facebook Nutzer verpflichten sich dazu, anders als z.B. bei Twitter, ihren Klarnamen zu nennen, ja Facebook ruft sogar andere Nutzer dazu auf, ihre sogenannten Freunde zu denunzieren, die unter Falschnamen operieren. Dennoch ist es auch bei Facebook nicht schwer, sich ein Tarnprofil anzulegen. Es gibt Programme im Netz, die vom falschen Namen über die falsche Blutgruppe bis zur falschen Lieblingsfarbe alles für die falsche Identität zu bieten haben. Facebook bemüht sich nun mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz diese Konten zu enttarnen.

Die Medienpsychologin Nicola Döring (Identität + Internet = Virtuelle Identität? PDF) weist auf die generelle Flexibilität im Identitätsmanagement hin und darauf, dass „virtuelle[…] Identitätsexperimente“ u.a. „neue Potenziale zu Selbstreflexion und Selbstentwicklung“ beinhalten können. Menschen, die aufgrund ihres Aussehens z.B. in der realen Welt ausgegrenzt würden, könnten hier an Selbstwertgefühl gewinnen. Und tatsächlich tun wir gut daran zu erkennen, dass die Schaffung auch unserer eigenen Internetidentität eine prozesshafte Inszenierung ist. Täglich entscheiden wir selbst, welchen Teil von uns wir präsentieren und welchen wir weglassen möchten: Beruf, Kinder, Hobbies, Politik, Liebe, Konsum. Einmal online sind wir zu unseren eigenen Identitätsmanagern und -managerinnen geworden.

Der Internet-Soziologe Stephan Humer sagte dazu: „Die digitale Identität ist längst ein Teil unserer Identität. Sie ist nichts mehr, wovor man sich schützen könnte oder müsste. Aber wir müssen sie lernen, und zwar auf dieselbe Weise, wie wir auch analoge Verhaltensweisen verinnerlichen mussten.“ So komplex diese Aufgabe auch sei, man habe gar keine andere Wahl, als sich ihr zu stellen. „Digitalisierung ist eine Revolution, auch für unser Selbst.“

Es ließe sich hinzufügen, dass wir lernen müssen, auch andere Netzidentitäten zu prüfen, denn wo viele Follower drauf stehen, müssen nicht unbedingt viele Follower drin sein. Und – auch wenn ein Daumen schnell gestreckt ist – wir tragen alle die moralische Verantwortung für unser digitales Tun.

Wonach aber richtet ihr euch, wenn ihr einer Person im Netz traut oder misstraut? Sind für euch falsche Identitäten Teil eines Spiels? Beachtet ihr bestimmte Grundsätze, wenn ihr euch selbst online darstellt? Wir freuen uns über Kommentare!

 

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